Mittwoch, 5. Januar 2022

SPIEGEL-Leser wissen mehr

Die meisten Smartphone-Nutzer kennen und nutzen die "News"-Übersicht, die man mit einem Wisch vom Startbildschirm aufrufen kann. Heute fiel mir diese Schlagzeile ins Auge:

Ein Antippen ergab dies:

 und dies:
Der SPIEGEL berichtet auch darüber. Allerdings geht der Text dort etwas weiter:
Ich fühle mich durch die 2. Meldung wesentlich besser informiert. Keine Ahnung, wie viele aber nur die 1. lesen und alle als Querdenker beschimpfen, die sich aktuell lieber noch nicht zum 2. Mal boostern lassen würden.
Und: was bedeutet das eigentlich für die von Lauterbach angedrohte Impfpflicht? Beinhaltet die dann 3 oder 4 Dosen? Ich meine "pro Jahr"?
Und: hieß es nicht immer (z.B. hier und hier), dass die Zahl der Antikörper gar nicht unbedingt entscheidend sei?

Zitat 1 aus den Links: "Selbst eine Studie aus Australien weist ausdrücklich darauf hin, dass es keinen Grund gibt, zu glauben, eine hohe Konzentration an Antikörpern schütze vor einer Erkrankung."
Zitat 2: "Die meisten Expertinnen und Experten sind sich da einig: Eine Antikörper-Bestimmung ist bei gesunden Menschen nicht nötig. Auch die Stiko rät davon ab. Der Hauptgrund: Bisher ist gar nicht wissenschaftlich erwiesen, mit welcher Anzahl an Antikörpern man sicher vor Corona geschützt wäre."

Montag, 3. Januar 2022

Und täglich grüßt die Inzidenz

Wir schreiben das Jahr 2022. Mittlerweile hat sich längst überall herumgesprochen, äh - nein, sorry, das muss ich korrigieren:
Mittlerweile hat sich längst überall außer bei unseren Medien (und hier besonders der Frankfurter Rundschau) herumgesprochen, dass die Corona-Inzidenz als alleinige Kennzahl praktisch gar keine Aussagekraft mehr hat. Erst wenn man zusätzlich die Anzahl der dafür verwendeten Tests (also die "Test-Positiv-Rate"), die aktuelle Impf-Rate (und hier besonders die der über 60-Jährigen), die Zahl der Genesenen und die Inzidenz-Aufschlüsselung nach Altersgruppen (denn es macht nun mal einen Unterschied, ob sämtliche Insassen eines Kindergartens oder eines Pflegeheims positiv getestet wurden) kennt und nennt, kann sie als aussagekräftiger Faktor für etwaige drohende Überlastungen des Gesundheitssystems dienen. 

Wesentlich zielführender kann hierfür aber natürlich zusätzlich die Hospitalisierungsrate sein, zumindest, wenn sie nicht durch zweifelhafte Meldemethoden verwässert wird (hier und hier kann man mehr darüber lesen)  - deswegen schrieben die Redaktionen seit dem Frühjahr 2021 zunächst sogar immer diesen Zusatz unter ihre täglichen Inzidenz-Meldungen: "Die Inzidenz war in der Pandemie bisher Grundlage für viele Corona-Einschränkungen, etwa im Rahmen der Ende Juni ausgelaufenen Bundesnotbremse. Künftig sollen daneben nun weitere Werte wie Krankenhauseinweisungen stärker berücksichtigt werden.

Und das schrieben sie seitdem täglich. 

Wochenlang. 

Monatelang. 

Jedes Mal denselben Satz. Natürlich immer unter reißerischen Inzidenz-Schlagzeilen, die einen morgens immer als Erstes begrüßten - z.B. am 19. August 2021 "Inzidenz steigt sprunghaft an". In diesem Fall bedeutete "sprunghaft" von 40,8 auf 44,2 - immerhin ein Anstieg um gut 8%. Wenn die Inzidenz hingegen ein paar Tage später sank (z.B. von 89 auf 78 - also um 12,5%) wurde das mit "Inzidenz sinkt leicht" beschrieben. 

All die Zeit fragte ich mich, wann denn nun endlich die "weiteren Werte" genannt würden, die "künftig stärker berücksichtigt werden" sollten. Und schließlich war es soweit, die Redaktionen meldeten zusätzlich die "Hospitalisierungsrate" - z.B. am 8.11.2021, wo sie bei 3,93 lag. Zusätzlich konnte man täglich diese Ergänzung lesen: "Der bisherige Höchstwert lag um die Weihnachtszeit 2020 bei rund 15,5.

In der FR-Redaktion (und nicht nur dort, wenn man sich "Spiegel", "Süddeutsche" und andere Qualitätsmedien ansieht) muss eine Art "Inzidenz-Fetisch" vorherrschen, denn während zig Quellen wie Corona in Zahlen längst weitere Kennzahlen und einordnende Faktoren aufführten, wurden die steigenden Zahlen fast schon ehrfürchtig proklamiert. Ein Inzidenz-Rekord nach dem anderen wurde gebrochen. Lag er während der erwähnten Weihachszeit 2020, als die Hospitalisierungsrate den Höchstwert von 15,5 erreicht hatte (was damals übrigens einen Anteil von 21% aller Intensivbetten Deutschlands ausmachte, was wiederum knapp 5.700 Betten entsprach), bei 197,6, kletterte er am 30.11.2021 auf schwindelerregende 452. Aber die Hospitalisierungsrate lag selbst da bei gerade mal 5,5 - also etwas mehr als einem Drittel des bisherigen Höchststandes. Selbst dem schlechtesten Matheschüler hätte da eigentlich dämmern müssen, welchen Unterschied hier die Impfquote ausmachte. Eine mehr als doppelt so hohe Inzidenz wie 2020 und trotzdem nur etwas mehr als ein Drittel der bisherigen Intensivbetten-Höchstbelegung? Das musste doch jedem ins Auge springen? Nicht den Redaktionen. Und ich fragte mich immer wieder, wann man dort endlich merken würde, wie lächerlich dieses marktschreierische Festhalten an der Inzidenz war. Selbst eher bedächtige Menschen wie Christian Drosten oder Lothar Wieler hatten längst mehrfach betont, dass eine 200er-Inzidenz bei 0% Impfquote in keinster Weise mit einer Inzidenz von 400 bei einer 70%-Impfquote zu vergleichen sei. Aber eine nachhaltige Wirkung zeigte es natürlich sehr wohl, nämlich auf sehr viele Leser*innen, die in den Kommentarabschnitten der jeweiligen Artikel schlimmste Horrorszenarien ausmalten und betonten, dass sie trotz doppelter Impfung nicht mal mit Masken auf Weihnachtsmärkte gehen würden, weil die Inzidenz ja so hoch sei. 

Tja und mittlerweile haben wir also das Jahr 2022. Fast 2 Jahre leben wir mit Corona. Unsere Medien nennen in ihren Schlagzeilen täglich weiterhin sinnfrei die Inzidenz (und im Artikel darunter mit Glück noch weitere Werte, die eine Einordnung ermöglichen). Und welche Werte nennt die FR nun in ihrer täglichen Wasserstandsmeldung? Genau: Nur noch die Inzidenz. Ausschließlich. Nicht mal mehr die Hospitalisierungsrate wird erwähnt. Und jeder Anstieg wird weiterhin in fetten Lettern verkündet, zum Beispiel heute: "Inzidenz steigt rapide an". "Rapide" bedeutet hier übrigens von 227,2 auf 232,4 - also einen Anstieg um 2%. Oder um es den Autor*innen der FR mal plastisch zu erklären: von 1.000 Menschen hatten vorher rechnerisch 2,27 einen positiven PCR-Test und nun 2,32 - gerundet waren es vorher also 2,3 Menschen und jetzt 2,3. OMG! SHOCKING! GRUSELIG! Was für ein rapider Anstieg! Spiegel-Online macht es leider nicht besser. Dort ist das ein "drastischer Anstieg".

Paradoxerweise muss es aber bei unseren Journalist*innen (und sogar selbst innerhalb der FR-Redaktion) Menschen geben, die die ganz oben genannten Zusammenhänge kennen - denn in anderem Kontext schreiben sie dann auf einmal, dass die Inzidenz alleine ja gar keine Aussagekraft bezüglich des Gesundheitssystems habe - nämlich beim Beispiel Gibraltar, welches Ende November eine 1.000er-Inzidenz aufwies. Kommentar der FR dazu: "Ein näherer Blick auf die Zahlen zeigt allerdings: Dramatisch ist die Situation nicht.". Warum? Ach so, wegen der Impfquote. 

Heute liegt die Inzidenz in Gibraltar übrigens bei 2.015. In Spanien (Impfquote 81%) bei 1.233, in Frankreich (Impfquote 73,3%) bei 1.679 und in UK (Impfquote 69,5%) bei 1.976. Deutschland hat aktuell eine Impfquote von 71,19% und besagte Inzidenz von 232,4 (Höchstwahrscheinlich ist sie natürlich viel höher, aber unsere Gesundheitsämter trennen sich ja nur allmählich von Bleistift, Papier und Fax). Die Hospitalisierungsrate liegt bei 3,07 (alle Zahlen wurden von https://www.corona-in-zahlen.de entnommen).

PS. Mir ist übrigens durchaus bewusst, dass die jeweiligen Corona-Varianten (vom Wildtyp über Alpha bis Omikron) einen faktischen Unterschied bezüglich Infektionsausbreitung und Hospitalisierung ausmachten - das berührt aber in keinster Weise die Kritik an der Inzidenz-Fixierung. Diese wurde bereits um die jeweiligen Phasen der Unsicherheit bzgl. der jeweils neuen Varianten bereinigt. Denn selbst jetzt, wo immer mehr Studien verschiedener Länder zu dem Schluss kommen, dass Omikron zu wesentlich weniger Krankenhauseinweisungen (und Letalität) führt, halten FR und Co. eisern an ihr fest. Wie gut, dass andere Medien (und vor allem Fachleute) mittlerweile im Jahr 2022 angekommen sind und propagieren, die Inzidenz gar nicht mehr zu veröffentlichen. Aber wofür verwenden unsere Qualitätsmedien dann die vielen fetten Buchstaben?

Dienstag, 31. August 2021

Die wundersame Vermehrung der afghanischen Ortskräfte

Bin ich eigentlich der Einzige, der sich über die stetig wachsende Zahl der durch Deutschland zu rettenden Ortskräften aus Afghanistan wundert? Zur Erinnerung: Insgesamt waren zuletzt 1.300 Bundeswehrsoldat*innen in Afghanistan im Einsatz.

Am 18. Mai 2021 (also noch 3 Monate vor dem durch Bidens planlosen Auszug ausgelösten Desaster) konnte man in der ZEIT lesen, dass es sich um ca. 1.000 Menschen handeln würde.

Am 24. August las ich bei SPON, dass das "Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte" (welches ja die seriösesten Zahlen liefern können müsste), von ca. 8.000 Menschen und ihren Angehörigen ausging:
"Das Netzwerk warf der Bundesregierung vor, zu spät mit der Rückführung der Ortskräfte begonnen und sie durch bürokratische Hürden behindert zu haben. Nach seinen Angaben geht es insgesamt um 8000 Ortskräfte und Familienangehörige. Nach seinen Informationen könnten knapp 2000 bislang ausgeflogen sein."

Wenig später konnte man (ebenfalls bei SPON) Folgendes lesen:
"Seit dem 15. August, als der ehemalige afghanische Präsident Ashraf Ghani fluchtartig das Land verließ, hat die Bundesregierung laut der aktuellen Zahlen rund 3420 afghanischen Ortskräften und 12.980 Familienangehörigen eine Aufnahmezusage erteilt."

Frau Merkel äußerte sich ebenfalls dazu:


 

 

 

 

 

 



Wiederum später waren es laut Heiko Maas (der von Rücktritten bzw. dem Übernehmen kompletter Verantwortung für persönliches Versagen übrigens ebenso wenig hält wie vor ihm Klöckner, Scheuer und Spahn) schon "deutlich mehr":



 



Und gestern, am 30. August waren es bereits (Trommelwirbel) sage und schreibe 70.000 Menschen:


 

 

 

 

 
 


Die Bundeswehr war 20 Jahre lang in Afghanistan und niemand kann zuverlässig sagen, wie viele und welche Menschen in dieser Zeit für sie tätig waren? Denn dass diese unbedingt gerettet werden sollten, steht außer Frage. Mulmig wurde es mir aber ein bisschen angesichts der Tatsache, dass sich bereits bei der 1. Rückholung auch abgeschobene Straftäter (u.a. Vergewaltigung und Drogenhandel) befanden, die man nun auch nicht mehr abschieben kann, da Afghanistan dafür ja viel zu gefährlich ist. Aber das waren zum Glück nur "wenige Einzelfälle zu denen man sich nicht äußern will", zudem gilt laut Frau Baerbock ja:

 


 

 

 

 


Hier wundert mich allerdings der Plural im letzten Satz.

Sonntag, 29. August 2021

Die Wahl der Qual

Gerade das 1. (von insgesamt 3 ) „TV-Triell“ gesehen. Es ist wirklich erbärmlich peinlich, dass das die drei Besten sein sollen, die Deutschland aufzuweisen hat. Scholz ist ja nicht etwa deswegen als einziger Kandidat (im Gegensatz zu seiner Partei) wählbar, weil er so gut wäre, sondern weil er so unfassbar schlechte Gegner*innen hat:

Baerbock kann Habeck in keiner Weise das Wasser reichen und hat (wie Habeck ja selbst sagte) einfach die Geschlechter-Karte gezogen (ein Vorgehen, was den Grünen im Saarland zu Recht die Teilnahme an der Bundestagswahl gekostet hat) und dass Laschet Söder (den ich alles andere als sympathisch finde!) nicht nur von der Körpergröße hoffnungslos unterlegen ist, war auch schon vorher klar. Das gestrige Duell zwischen Habeck und Söder spielte jedenfalls in einer vollkommen anderen Liga.

Das einzig tröstliche ist, dass die (flächenmäßig 27 mal größeren und 4x höhere Einwohnerzahl) Vereinigten Staaten zwei noch größere Nieten hatte, nämlich einen psychopathischen Narzissten und einen senilen Umfaller.

Im Endeeffekt hätte ich lieber Peter Klöppel oder Nikolaus Blome als Bundeskanzler.

Sonntag, 8. August 2021

Warum ich "Lauterbach warnt" nicht mehr besonders ernst nehme

Jahrelang war ich ein großer Fan von Karl Lauterbach. In der (vor mir geschätzten) Talkshow "hart aber fair" war er immer mal wieder zu Gast und erwies sich meist als unaufgeregter, kompetenter und plausibel argumentierender Teilnehmer, zudem mochte ich seinen trockenen Humor und seine Selbstironie. Seine manchmal kontroversen Aussagen erwiesen sich im "Faktencheck" der Sendung am nächsten Tag so gut wie immer als korrekt. Zudem erinnerte er mich optisch an (den ebenfalls von mir geschätzten) Daniel Düsentrieb.

Mittlerweile hat er ja sogar eine eigene Talkshow ("Heute bei Karl Lauterbach: Markus Lanz!"), aber sein Fan kann ich beim besten Willen nicht mehr sein. Selbstverständlich ist mir klar, dass er damit gut leben können wird. Was aber brachte mich zu dieser Umkehr? 

Es war gar nicht sein ständiges Warnen vor Corona, auch wenn er das Virus ganz zu Beginn (was viele längst vergessen haben dürften) gar nicht ernst nahm ("Es wird in Deutschland wohl bei Einzelfällen bleiben“, "Mit massenhaft Infektionen ist nicht zu rechnen.", „Die Gefahr für die Mehrheit der Bevölkerung ist zum Glück sehr überschaubar.“) oder das Ausmalen der schlimmsten Szenarien (was ihm in diversen Portalen ja bereits den Spitznamen "Panik-Karl" einbrachte). Auch, dass er im Frühling 2020 ständig mit seinen Prognosen daneben lag, er einen Horror-Sommer skizzierte, der dann überhaupt nicht eintrat, sondern im Gegenteil die niedrigsten Inzidenzen und Intensivbettenbelegungen (und das ganz ohne Lockdown und Impfungen) seit Pandemiebeginn aufwies, änderte nichts an meiner Wertschätzung für ihn. Als es Richtung Herbst ging, stiegen die Inzidenzen und Klinikeinweisungen explosionsartig an - und natürlich hatte er das korrekt vorhergesagt: Ein Meteorologe, der pauschal für jeden Tag Regen vorhersagt, hat in Deutschland (bundesweit statistisch gesehen)  schließlich auch an ca. 130 Tagen Recht. Selbst seine extreme Medien-Überpräsenz störte mich zu diesem Zeitpunkt (noch) nicht.

Was war es also, was mich an Lauterbach zweifeln ließ und lässt? Zum einen dass er (vor allem auf seinem Twitter-Kanal - aber auch mehrfach wöchentlich in anderen Medien) ständig vorveröffentlichte Studien (sogenannte Pre-Prints, die erst noch von Fachleuten und -Portalen begutachtet werden müssen, bevor man ihre Qualität und inhaltlichen Aussagen tatsächlich wissenschaftlich und evidenzbasiert beurteilen kann) benutzt(e), um seine Prognosen als Fakten darzustellen. Zum Anderen dass er immer wieder Behauptungen aufstellte, die jeglicher Grundlage entbehrten. Beispiele dafür finden sich mittlerweile unzählige, da viele Foren und Portale es sich bereits zur Aufgabe gemacht haben, alle Fälle zu sammeln, in denen er daneben lag (zuletzt in der WELT) aber besonders stachen für mich diese heraus:

  1. Erinnert sich noch jemand an die "englische Variante B117"? Die heißt heute ja längst (politisch korrekt) "Alpha"-Variante. Lauterbach behauptete am 10.03.2021 aufgrund eines Pre-Prints, dass sich bei dieser eine "um 67% erhöhte Sterblichkeit bestätigt" habe und sie daher "in einer 3. Welle in Deutschland leider dazu führen würde, dass viele Ungeimpfte noch kurz vor der Impfung sterben würden". Wie man 4 Wochen später lesen konnte, gab es diese erhöhte Sterblichkeit überhaupt nicht, lediglich die Ansteckungsgefahr war deutlich erhöht. Für Lauterbach war das dann ein "gutes wie überraschendes Ergebnis".

    Aber (höre ich jetzt manche Leser*innen sagen) ist das nicht der Kern aller Wissenschaft? Dass sich Erkenntnisse ständig ändern und es gerade für gute Wissenschaftler spricht, dass sie sich jeweils offen für neue Untersuchungen/Studien und deren Ergebnisse zeigen? Natürlich, aber genau das ist ja der Punkt: Seriöse Wissenschaftler würden ihre Aussagen und Prognosen viel vorsichtiger formulieren. Ein ernstzunehmender Experte hätte hier getitelt: "Wenn sich die Ergebnisse dieser vorläufigen (noch nicht begutachteten) Studie bewahrheiten und sie durch andere Studien anderer Länder bestätigt werden, könnte die britische Variante zu wesentlich mehr Todesfällen führen als das ursprüngliche Wildvirus". Klingt sperrig, nicht wahr? Wäre aber seriös!

    Nun könnte man ja anführen, dass Twitter (aufgrund seines Zeichenlimits) keinen Platz für langatmige Erklärungen lässt, aber dann darf er dieses Medium eben nicht für seine Prognosen nutzen. Zum anderen sprach er diese Warnungen ja auch genau so in jedes Mikrofon, das ihm hingehalten wurde und präzisierte sie auch nicht in seinen zahllosen Talkshow-Auftritten. Zumindest bis ihm die begutachteten Studienergebnisse schließlich das Gegenteil bewiesen.

  2.  Am 25.03.2021 unterstellte er vor Millionen Zuschauern bei "Maybritt Illner" dem spanischen Gesundheitsministerium, dass es die aktuellen Corona-Zahlen  auf Mallorca fälsche, um nicht als Hochinzidenzgebiet eingestuft zu werden. Dies führte dort zu verständlicher Empörung ("Wir sind hier schließlich nicht in einer Bananenrepublik, sondern in einem ernsthaft und professionell geführtem Land!"). Natürlich gab es überhaupt keine Hinweise auf die unverschämterweise von ihm unterstellten Tricksereien - aber bis heute habe ich keine Entschuldigung von ihm dazu gehört.

  3. Am 15.04.2021 behauptet er wiederum bei "Maybritt Illner", dass die Corona-Patienten auf der Intensivstation mittlerweile "im Durchschnitt etwa 47 bis 48 Jahre alt" seien: "Das sind Menschen mitten im Leben.”
    Wenig später musste er zugeben, dass es dafür überhaupt keine Datengrundlage gab und er auf "persönliche Schätzungen" zurück gegriffen hatte.

  4. Kinder würden an der "Delta"-Variante (vormals "indischen" Variante) viel schwerer erkranken und daher auch immer häufiger in britische Kliniken eingeliefert werden. Ebenfalls eine vollkommen falsche Aussage, die nicht auf Fakten, sondern einer (später zurückgenommenen) Einzelaussage beruhte, wie er später einräumen musste.

  5. Anstatt aus seinen Fehlprognosen des letzten Frühjahrs zu lernen, als er für den Sommer ja vor Horrorzahlen und vielen Toten warnte, verneinte er den saisonalen Faktor weiterhin und verspottete den Virologen Professor Hendrik Streeck auch noch öffentlich in (s)einer Talkshow. Wenig später musste er zurückrudern und Streeck "voll Recht" geben. Wie man mittlerweile einer Oxford-Studie entnehmen kann, macht der saisonale Faktor bis zu 40% aus.

  6.  Anlässlich der Fußball-EM, bei der wieder Zuschauer in den Stadien zugelassen wurden, schrieb er: „Es haben sich sicherlich Hunderte infiziert und diese infizieren jetzt wiederum Tausende. Die UEFA ist für den Tod von vielen Menschen verantwortlich.“ Dazu kann man heute in der Süddeutschen folgendes lesen:

    Die EM-Spiele in München haben laut dem bayerischen Gesundheitsministerium "keinen nennenswerten Beitrag zum Infektionsgeschehen im Freistaat" geleistet: lediglich fünf Corona-Infektionen im Zusammenhang mit dem Besuch eines EM-Spiels in München seien dem Landesamt für Gesundheit gemeldet worden. Zu den Spielen der UEFA EURO 2020 in München waren rund 14 500 Zuschauer in der Allianz-Arena zugelassen.

    Mit Public-Viewing-Veranstaltungen rund um die Spieltage würden bayernweit 18 Corona-Fälle in Verbindung gebracht, sagte ein Ministeriumssprecher. Außerdem seien fünf Besucher eines EM-Spiels im Ausland anschließend positiv getestet worden.

    Unnötig zu erwähnen, dass auch in England 3 Wochen nach dem EM-Finale die Zahlen (sowohl bzgl. der Inzidenz als auch der Intensivbettenbelegung) nicht etwa massiv stiegen, sondern sogar sanken - trotz "Freedom Day".

  7.  Obwohl es nach wie vor keine belastbaren Studien zu "Long Covid" bei Kindern gibt und diverse Experten sogar aussagen, dass es sich hier um eine Randnotiz und kein Massenphänomen handelt (die herkömmliche Influenza/Virusgrippe sogar schlimmere Folgen für Kinder hätte) , behauptet Lauterbach weiterhin vehement das Gegenteil. Natürlich beruft er sich hierbei wiederum nur auf Pre-Prints von Studien, die ihm in den Kram passen und ignoriert sämtliche gegenteiligen Aussagen wie z.B. die Studien aus Zürich und Dresden. Zusätzlich urteilt er in einer unglaublich anmaßenden Arroganz über die "Außenseiterpoistion" der Stiko, aber dass diese sicher "wieder zur vollen Blüte kommen werde". Spätestens hier hat Herr Lauterbach vollkommen über das Ziel hinaus geschossen.

    Dass 1 von 16.000 12-17-jährigen Jungen als Folge der Corona-Impfung eine Herzmuskelentzündung erleidet, ist (Stand heute) statistisch belegt. Wie hoch dagegen das Risiko für sie ist, an Corona zu erkranken und dann auch noch "Long Covid" zu erleiden, ist es (noch) nicht. Und genau deswegen liegt die Stiko mit ihrer derzeitigen Haltung noch vollkommen richtig und Lauterbach eben nicht. Zu dem unsäglichen Druck, der diesbezüglich auf Kinder und deren Eltern ausgeübt wird, hatte ich mich ja bereits hier ausgelassen

Ich bin daher wirklich sehr überrascht, dass ich nach wie vor täglich in diversen Kommentarspalten und Foren "Lauterbach hat fast immer Recht gehabt!" zu lesen bekomme. Und denke mir mittlerweile bei jeder Meldung, die mit "Lauterbach warnt" beginnt:
Nein, Lauterbach nervt! Und der Himmel möge uns davor bewahren, dass er mal Gesundheitsminister wird!

"Das Amt des Gesundheitsministers finde ich nach wie vor sehr reizvoll", sagte er in einem am Donnerstag veröffentlichten Gespräch mit dem "Spiegel". Er sei "recht zuversichtlich", dass ihn "diese Aufgabe nicht überfordern würde", so der 58-Jährige.

Diese Zuversicht teile ich überhaupt nicht.

PS. Als ich mein Posting gerade noch einmal durchlas, fiel mir auf, dass ich ja noch gar nicht Lauterbachs mittlerweile fast schon pathologisches Selbst-Widersprechen innerhalb kürzester Zeit erwähnte. Beispiel gefällig? Zwischen diesen beiden Aussagen liegen gerade einmal15 Tage:


Und eine weitere Woche später:


 

Montag, 31. Mai 2021

So nicht, Herr Spahn!

Ich halte es für ein absolutes Unding, mit welchen unlauteren Methoden Eltern pauschal dazu gedrängt werden (ohne jegliche valide Grundlage) ihre Kinder gegen Corona impfen zu lassen. Man muss doch gar nicht unbedingt an das damalige Pandemrix-Desaster erinnern, sondern sollte einfach lieber auf die Empfehlung der dafür zuständigen STIKO warten. Und wenn das Zeit braucht, weil die Zulassungsstudie von Biontech gerade einmal die lächerliche Anzahl von 1131 (!) geimpften Kindern umfasste, dann braucht es halt Zeit. Entsetzlich, wie oft ich jetzt überall lese und höre "Natürlich lassen wir unsere Kinder impfen, wir wollen uns doch nicht schon wieder den Urlaub versauen lassen". Pfui Teufel!

Es geht hier nicht um Malle, sondern darum, welchen konkreten Nutzen und welchen konkreten Schaden die Impfung für die Kinder bedeutet. Die Kinder müssen die Erwachsenen nicht schützen, die haben es schließlich selbst in der Hand, sich impfen zu lassen und somit zu schützen. Für "Herdenimmunität" werden sie auch nicht benötigt, dafür ist ihre Zahl zu klein. Und schon gar nicht, um Fluchtmutanten zu verhindern, denn sonst müsste man Kinder auch jedes Jahr gegen die herkömmliche Influenza impfen lassen - stattdessen lassen sich jedes Jahr gerade mal 15-20 Mio. Deutsche gegen Grippe impfen und nehmen es somit ja auch in Kauf, dass dadurch die Viren immer wieder mutieren und die Impfung jedes Jahr neu angepasst und verimpft werden muss.

Schwierig natürlich auch, auf "die Wissenschaft" zu hören, wenn sie sich solche medialen Zweikämpfe liefert wie in diesen beiden Screenshots zu sehen:

























Ich halte es da eher mit diesem SPIEGEL-Kommentar:

"12- bis 16-Jährige jetzt hastig zu impfen, wiegt das Politikversagen der vergangenen Monate nicht auf. Aber natürlich hofft die im Wahlkampf angekommene Politik, damit Stimmen von Eltern und Großeltern zu gewinnen. Schaut mal, wir tun doch was für die Kinder!
Digitalisierung in den Schulen, bessere Luftfilter: War uns alles zu teuer und zu aufwendig. Aber eine Impfung pushen, ehe sie vom zuständigen, unabhängigen Expertengremium bewertet wurde: Check, erledigt! Familienpolitik kann so einfach sein.
...
Es stellt sich daher die Frage, warum wir uns ein unabhängiges Gremium von Expertinnen und Experten leisten, das nach wissenschaftlichen Kriterien Nutzen und Risiken von Impfungen abwägt und Empfehlungen ausspricht, wenn wir offenbar nicht mehr auf dessen Rat hören wollen. Fragen wir künftig bei Risiken und Nebenwirkungen nicht mehr Arzt oder Apothekerin, sondern Bürgermeister oder Ministerin?"

Montag, 3. Mai 2021

Gefühlte Wahrheiten

 

Seltsam, in den letzten Monaten bekamen wir doch immer wieder eingebläut, dass sich sämtliche Maßnahmen bzgl. Corona erst mit einem mehrwöchigen Verzug auf den Intensivstationen bemerkbar machen können. Leuchtet ja auch ein: Inkubationszeit durchschnittlich 5-6 Tage (kann aber sogar bis zu 14 Tage betragen) und falls man dann symptomatisch erkrankt, ca. weitere 2-3 Wochen, bis man (bei schwerem Verlauf) auf der Intensivstation landet. Genauso wurde es doch immer wieder beschrieben.
 
Wie kann es also sein, dass die "Bundesweite Notbremse mit Ausgangssperre", die erst am 24.04. (also vor 9 Tagen) in Kraft trat, bereits jetzt Wirkung zeigen soll - siehe SPIEGEL-Meldung von heute?

"Intensivmediziner ziehen positive erste Bilanz von Bundesnotbremse
Die Ausgangssperren sind umstritten – zeigen aber nach Ansicht der Experten Wirkung: Intensivmediziner sehen einen positiven Effekt des Notbremsen-Gesetzes im Kampf gegen Corona."
 
Aha. Ich halte solche Schlagzeilen für nicht sehr klug, da sie nur Wasser auf die Mühlen von Verschwörungstheoretikern sind. Denn zum Einen (s.o.) kann die Ausgangssperre de facto ja noch gar keine Wirkung auf die Intensivstationen haben und zum Anderen gingen die Zahlen ja im Schnitt bereits seit dem 21.04. leicht runter - und tun das seitdem weiterhin. Für mich deutet das eher auf die Wirkung von Impfungen, milderen Temperaturen und Abschwächung innerhalb der besonders betroffenen (sogenannten "prekären") Hotspots/Infektionszentren hin.
 
Aber gut, wäre man an Evidenz-basierten Maßnahmen interessiert, wäre die Außengastronomie ja längst geöffnet, um Treffen in Innenräumen zu reduzieren (wie es u.a. die Niederlande, Frankreich, Belgien, Schweiz und Österreich - trotz teils wesentlich höherer Inzidenzen - tun).
Hierzulande hält man sich aber oft leider eher an "gefühlte Wahrheiten"- was betrüblicherweise auch immer wieder auf den Qualitäts-Journalismus zutrifft.